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Kaiser Wilhelm selbst hat das
Erlebnis noch am gleichen Vormittag schriftlich aufgezeichnet und zwar in
folgender Darstellung:
"Als ich heute den 14. Juli in der Lichtentaler Allee ging, früh halb 9
Uhr, ging ein junger, ungefähr 20jähriger Mann bei mir vorüber von hinten
kommend und grüßte mich auf eine besonders freundliche, fast herzliche Art,
indem er den Hut abnehmend, denselben mehreremale grüßend senkte. Da er bald
darauf seine Schritte verkürzte, so ging ich wieder an ihm vorüber, wobei er
nochmals grüßte. Dies geschah wenig Schritte vor und hinter dem Hause, in
welchem früher der Maler von Beyer wohnte. An der Kettenbrücke begegnete mir
mein Gesandter Graf Flemming, der mich nun begleitete. Vielleicht 150 Schritte
jenseits des Hirtenhäuschens fiel ein Schuß in solcher Nähe, hinten auf mich,
daß ich sofort einen Schmerz an der linken Seite des Halses fühlte, eine
Dröhnung im ganzen Kopfe empfand und mit der linken Hand sogleich nach der
verletzten Stelle griff, ausrufend: Mein Gott, was war das! - Graf Flemming und
ich drehten uns gleichzeitig um, und ich sah oben bezeichneten jungen Mann ganz
ruhig hinter uns auf drei Schritte stehen. Graf Flemming fragte ihn: „Wer hat
hier geschossen? Haben Sie geschossen?" Worauf der Mann ganz gelassen erwiderte:
„Ich habe auf den König geschossen". — Graf Flemming griff ihm nun in die
Halsbinde und hielt ihn fest, fragend: „Womit .haben Sie geschossen?" — Er
zeigte auf einen in das Gras geworfenen Regenschirm und einige Schritte von
demselben lag ein Doppel-Terzerol, von dem beide Läufe abgeschossen waren. Da
sofort ein Herr, der der Rechtsanwalt Süpfle aus Gernsbach sein soll und ein
anderer Mann, der Amtsverweser Schul aus Achern, zugesprungen waren und den
jungen Mann auf den Boden warfen, ausrufend: „Das ist eine Schmach und Schande
für Baden, das muß das Volk rächen", — so hatte Graf Flemming Zeit, die Pistole
aufzunehmen und den Regenschirm. Mittlerweile war der Hotelbesitzer Brandt aus
Berlin hinzugekommen und diese drei Herren brachten den Menschen in einen
Miethswagen, der gerade vorbeifuhr. Ich ersuchte die Herren, ihm nichts zu Leid
zu thun und bestimmte, daß dieselben unter Geleite des Grafen Flemming ihn um
Stadtdirektor Kunz transportieren sollten. Ein vierter Herr, Mr. Blanquet,
Kaufmann aus Paris, sagte mir auf französisch, daß mein Rockkragen von einer
Kugel zerrissen sei und ebenso die Halsbinde gestreift wäre; ich zog ihn aus und
überzeugte mich von der Richtigkeit der Angabe. Die Contusion am Halse blutete
nicht, aber verursachte einen leichten brennenden Schmerz. Ich konnte daher die
Promenade bis gegen Lichtental fortsetzen und kehrte mit der Königin zu Fuß nach
Hause zurück." Mit "nach Hause" war das Hotel Meßmer gemeint, in dem das Königspaar
logierte.
Am Abend brachte die Bevölkerung Badens, im Jubel darüber, dass der
Mordanschlag misslungen war dem König einen Fackelzug dar, an dem auch die
städtischen Behörden unter Führung des Bürgermeisters Gaus teil nahmen. König
Wilhelm konnte vom Balkon des Hotel Meßmer den Baden-Badenern danken und richtete am folgenden Tage an das Bürgermeisteramt und den Gemeinderat von
Bad nachfolgendes Schreiben:
"Die unzweideutigen Beweise aufrichtiger Theilnahme, welche Mir, in Veranlassung
des gestern gegen Mich verübten durch Gottes ebenso wunderbare, als gnadige
Fügung ohne Folgen gebliebenen ruchlosen Attentats, von den Behörden und der
Einwohnerschaft hiesiger Stadt dargebracht worden sind, haben Meinem Herzen
wohlgetan und das Gefühl tiefen Schmerzes gemildert, welches dies Zeichen der
immer weiter um sich greifenden Entsittlichung und Nichtachtung göttlicher und
menschlicher Ordnung in Mir hervorrufen mußte.
Indem ich daher aus vollstem Herzen dem Bürmeisteramte und dem Gemeinderath sowie
der Bürgerschaft hierdurch Meinen Dank ausspreche, und die Königin Meine
Gemahlin, Sich mit mir hierin vereinigt, hab Wir für die Armen der Stadt
beifolgende Zweitausend Gulden bestimmt, deren Vertheilung die gedachten
Behörden übernehmen mögen".
Das Attentat brachte dem Studenten Oskar Becker zwanzig Jahre Zuchthaus, zehn
Jahre Einzelhaft und elf Jahre gemeinsame Haft ein. Im Oktober 1866 wurde Becker
auf König Wilhelms Fürsprache hin begnadigt. Becker ging dann nach Nordamerika,
kehrte aber 1868 nach Europa zurück. Er wanderte erneut aus, diesmal in Richtung
Orient, und starb 1868 in Alexandria.
An das Attentat
erinnerte dann noch lange der Baum, in welchen die erste Kugel eingeschlagen
hatte und den man bald mit einem Gitter umgeben mußte, denn seine Rinde war als
Andenken bei den Kurgästen sehr begehrt. Wer
schon mal die Lichtentaler Allee in
Baden-Baden entlang geschlendert ist, dem
wird bestimmt ein kleines allein stehendes
Fachwerkhäuschen direkt vor der Klosterwiese aufgefallen sein, das an dieser
Stelle überhaupt nicht hinpasst. Und sicherlich hat mancher dann vermutet: das muß wohl so eine Art Denkmal sein zur Erinnerung an irgend ein historisches
Ereignis. Und so ist es auch. Es ist das einstige Hirtenhäusle des Klosters
Lichtental, in dem König Wilhelm I. von Preußen nach dem Attentat des Studenten
Becker Erste Hilfe fand.
Vor der
Trinkhalle
steht eine Büste von Kaiser Wilhelm I., Bildhauer Joseph von Kopf fertigte
sie aus einem Marmorblock, der, so konnten wir in einem alten Band der
"Braumüllers Badebibliothek" lesen, vor 2000 Jahren dem Kaiser Augustus von der
Insel Paros gesandt wurde. Der berühmte Künstler machte der Stadt dieses Denkmal
zum Geschenk. Die Stadt baute ihm aus Dankbarkeit ein Atelier in der
Werderstraße 2, unter der Bedingung, dass er die Sommermonate in Baden
verbringen und an gewissen Tagen dem Publikum den Zutritt zu seinem Atelier
gestatten sollte.
Kaiser Wilhelm I. stand
Bildhauer Kopf
selbst Modell und soll bei einem Besuch im Atelier seinen Bart zur Seite
gestrichen haben und Kopf dabei noch Spuren der Verletzung, die ihm beim
Attentat vom Studenten Oskar Becker 1861 in der Lichtentaler Allee
verursacht und geblieben sind gezeigt haben. Allerdings mit der Aussage "Die
dürfen Sie aber bei der Büste nicht machen".

Das Attentat auf den König Wilhelm I. von Preußen,
alte Lithographie von 1861
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