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Naturschutz und Umweltschutz ist nicht immer Artenschutz

Wir können in Deutschland die Natur nicht sich selbst überlassen…

Neuntöter (Lanius collurio) Prof. Peter Berthold unser bekanntester Ornithologe und Verhaltensforscher der zunehmend auch zur Gallionsfigur für den Vogel und Artenschutz in Deutschland steht stellt fest:

Im Vergleich zum Jahr 1800 leben heute 80 Prozent weniger Vögel in Deutschland, allein seit 1965 ist die Individuenzahl der Vögel in einer Art galoppierender Schwindsucht um 65 Prozent zurückgegangen…… Damit könnte es bald mehr Menschen als Vögel im Lande geben. Und kaum zu glauben: Sogar das einstige Milliardenheer von Insekten haben wir binnen 30 Jahren um unglaubliche 80 Prozent dezimiert.

Um das zu verhindern werden immer mehr Schutzgebiete ausgewiesen, in Deutschland sind etwa 15% der Landesfläche als FFH Gebiet, Naturschutzgebiet und Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Ziel dieser Schutzgebiete ist, "natürliche" Lebensräumen für bedrohte Arten zu schaffen.

Es wird aber immer mehr festgestellt, dass selbst in diesen Schutzgebieten die Biodiversität und Masse der Insektenarten sowie der von den Insekten abhängigen Vogelarten stark abnimmt, woran könnte das liegen.

Lassen wir mal die ganze Diskussion mit den Pestiziden, insbesondere den Neonicotinoide beiseite. Sie gehören sicher mit zu den Hauptverursachern des Insektensterbens, sind aber in Schutzgebieten nicht die entscheidende Ursache.

Einer der Wissenschaftler, der hier eine Lösung bietet, ist Prof. Dr. Werner Kunz, Biologe und Professor für Genetik an der Universität Düsseldorf.
Prof. Dr. Werner Kunz fordert ein Umdenken im Naturschutz, warum? Unsere Schutzgebiete sind überwiegend nach der Flora, den heimischen Pflanzenarten, aber nicht den heimischen Tierarten gewidmet.

Der Große Brachvogel (Numenius arquata) Nicht die Pestizide haben die Insekten in Deutschland vernichtet, die Tatsache, dass die Habitate der Insekten durch den Menschen vernichtet wurden, sind die Ursache für das Insektensterben. Selbst in Schutzgebieten werden diese nämlich zunehmend verändert und zerstört, und das durch die Eigendynamik der Natur und dem erhöhten Stickstoffgehalt unserer Luft. Greift der Mensch nicht ein, werden die Schutzgebiete langfristig zerstört.

Das widerspricht sich? Nein tut es nicht!

Bitte nicht missverstehen, es gibt Landschaften die natürlich entstanden sind und von denen der Mensch seine Finger lassen sollte, Beispiel hier unsere noch intakten Moorlandschaften, viele Feuchtgebiete sowie die wenigen noch dynamischen Auenlandschaften, aber zurück zum Thema….

In den Naturschutzgebieten ist der Schutz der Natur gesetzlich vorgeschrieben, in Vogelschutzgebieten sollen die „natürlichen Lebensräume“ für die Vogelarten erhalten werden. Es gibt bei uns seit tausenden von Jahren aber gar keine natürlichen Lebensräume mehr. Die Habitate die unserer Arten brauchen sind durch die Ausbeutung der Natur durch den Menschen entstanden.

Besser wäre es oftmals mit dem Bagger durch die Natur zu brettern und den Boden aufzureißen oder abzutragen…

Um unsere Fauna zu erhalten muss der Mensch in die Natur eingreifen

„Die Natur Natur sein lassen“ funktioniert vielleicht im Nationalpark Schwarzwald, viele Tierarten brauchen aber gar keine natürlichen, sondern von Menschen gemachte Habitate. Es sind nicht die natürlichen Waldhabitate Deutschlands die der überwiegenden Zahl der Tierarten gerecht wird. Wir brauchen in den NSG, FFH und Vogelschutzgebieten kein „Natur sein lassen“ und schon gar keinen Prozessschutz, das würde letztlich nur der Sukzession freien Lauf lassen.

Unsere Tierarten besteht überwiegend aus Migranten

Bläuling (Lycaenidae)Schauen wir mal wo es auf der Welt die artenreichsten Lebensräume gibt, im Tropenwald gibt es natürlicherweise die größte Artenvielfalt. Die zweitgrößte Artenvielfalt auf unserem Planeten gibt es im Buschland, optimal ist eine Mosaiklandschaft aus Blumen, Bäumen und offenem Gelände. Nadelwälder und Laubwälder dagegen sind eher artenarm.

Die überwiegende Zahl der Arten die es in Mitteleuropa gibt, sind Arten die nach der letzten Eiszeit eingewandert sind. Sie wanderten ein aus den Steppengebieten des Ostens und aus den Offenländern des Mediterranen Raumes.

Sie brauchen also gar keine „natürlichen Lebensräume“, ihre "natürliche" Heimat ist die Landschaft die von Menschen gemacht wurde. Jahrtausende lang hat der Mensch die Landschaft geprägt, den Wald gerodet, Acker und Grünland erschaffen.

Dabei hat der Mensch den Boden auch in extensiver Bewirtschaftung ausgeraubt. War ein Boden verbraucht, brachte er nicht mehr den nötigen Ertrag, zog der Mensch am Anfang seines Sesshaftwerdens einfach weiter, später entstand die Dreifelderwirtschaft.

So entstanden lichte Flächen in denen sich besonders viele Insektenarten entwickeln konnten. Und selbst die bewirtschafteten Äcker und Grünflächen waren früher viel „lockerer“ ausgebildet. So boten sie Lebensraum für Kiebitz, Wiedehopf und Rebhuhn - Vogelarten die heute allesamt gefährdet sind.

Gelbbauchunke (Bombina variegata)Ein gutes Beispiel, wie wichtig die Zerstörung der Landschaft durch den Menschen ist, sind Steinbrüche. Schwere Fahrzeuge erzeugen dort ständig kleine Wasserflächen in denen Amphibien erfolgreich laichen weil sie dort vor Prädatoren geschützt sind. Wird der Steinbruch geschlossen und der Mensch greift nicht mehr ein, verschwinden die Amphibien.

Wenn der Mensch nicht eingreift, vielleicht haben die Tiere ja Glück und eine Naturkatastrophe kommt, der Orkan Lothar 1999 und der Sturm Kyrill 2007 haben in ganz Deutschland viele Waldbesitzer in ihrer Existenz bedroht, für den Artenschutz waren die Stürme aber ein Segen. Die dabei entstandenen lichten Flächen haben den Artenreichtum fast explodieren lassen.

Wann begann die Zerstörung der natürlichen Habitate

Stellt sich die Frage wann sich dieser Zustand geändert hat. Ganz einfach, Jahrtausende lang hat der Mensch mit seiner Bewirtschaftung mehr Stickstoff aus dem Boden genommen als er zugeführt hat. Erst mit der künstlichen Düngung und den immer größer werdenden Tierställen, die immer mehr Gülle produziert haben, hat sich das umgekehrt.

In unsere Böden wird heute viel mehr Stickstoff eingetragen als er aufnehmen kann. Laut dem Thünen-Institut, einer Bundesforschungsanstalt werden pro Jahr alleine in Deutschland rund 200 Millionen Kubikmeter „Wirtschaftsdünger“ auf Wiesen und Äcker ausgebracht. Statistisch könnte jeder Einwohner in Deutschland in jedem Jahr in mehr als 10 Badewannen voll mit Gülle baden.

Dass der Boden diese Mengen gar nicht mehr aufnehmen kann ist unbestritten, die überschüssige Menge versickert ins Grundwasser oder geht in die Luft. Diese ist heute so mit Stickstoff angereichert, dass selbst die entlegensten Regionen der Welt damit gedüngt werden.

Das Ergebnis ist, Gras und die Blumen, sofern sie überhaupt vorkommen, steht in unseren Wiesen (sogar in Magerwiesen wirkt sich das aus) einfach zu dicht. Selbst mit der zunehmenden Wärme, bedingt durch den Klimawandel, lassen der dichte Bestand die Bodenschicht kalt und lebensfeindlich für Insekten werden. Der überwiegende Teil der Insekten entwickelt sich nämlich in der bodennahen Schicht und braucht dafür eine entsprechende Wärme. Gibt es keine Insekten werden auch die Vögel und andere Arten in dieser Kette weniger werden.

Was können wir tun um diesen Zustand zu ändern

Am besten die Dünge-Praxis unserer Landwirtschaft ändern. Das wird aber nur dann funktionieren, wenn es sich für unsere Bauern lohnt, zumindest einen Teil ihrer Anbaufläche ohne Dünger, natürlich auch ohne Pestizide zu bewirtschaften. Eine Änderung gegen den Willen der Bauern, die oftmals heute schon um ihr Überleben kämpfen wird es nicht geben. Unsere Bauern müssen mit zu Landschaftspflegern werden und wir müssen das bezahlen.

Unsere Gesellschaft muss sich endlich entscheiden, will sie mit oder ohne unsere Arten leben.

Den Landwirten müssen wir sagen, grüne Holzkreuze aufstellen und gegen die Gesetze die eine Überdüngung einschränken wollen zu protestieren, nützt nichts, das bringt die Bevölkerung nur gegen die Landwirte auf.

In den Schutzgebieten sollte es die Möglichkeit geben, entsprechend der Arten die geschützt werden sollen, Eingriffe in die Natur zu erlauben. Notfalls wie schon oben geschrieben mit dem Bagger die oberste Erdschicht abzutragen umso eine lichte magere Fläche zu erhalten.

Quelle 23.03.2020:
Der YouTube Kanal von Prof. Dr. Werner Kunzhttp://www.kunz.hhu.de/

Bücher:
Ornithologie für Einsteiger von Michael Wink/Springer Spektrum
Die Wiese, Lockruf in eine geheimnisvolle Welt von Jan Haft/ Penguin Verlag

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