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Das Attentat auf den König Wilhelm I.

Als König Wilhelm I. (ab 1871 Deutscher Kaiser) im Jahr 1861 nach dem Fürstenkongress wieder mit seiner Gattin Kaiserin Augusta nach Baden-Baden kommt, wo er über 40 Jahre regelmäßiger Gast sein sollte, macht er wie immer seine gewohnten Vormittagsspaziergänge in der Lichtentaler Allee, die er meist ohne Begleitung unternimmt. Und dieser 14. Juli 1861 sollte auf erschreckende Weise unterbrochen werden und als Tag des Attentats auf den König in die Deutsche Geschichte eingehen, an dem der König nur mit viel Glück dem Tode entgehen kann.

Der Attentäter, der 22jährige Leipziger Student Oskar Becker, Sohn eines russischen Staatsrates und Lyzeums-Direktors, kommt tags zuvor nach Baden-Baden; hatte am Bahnhof einen Buben, der ihm seine Reisetasche ins Hotel trägt, gefragt, ob er den König von Preußen kenne. Der hatte erwidert: "Den kennt hier jeder!" Becker zeigte ihm eine Photographie. Ja, das sei er, sagte der Junge. Im Hotel schreibt Becker einen Brief, er verübte den Anschlag „Weil der König die Einigkeit Deutschlands nicht herbeiführen und die Umstände überwältigen kann, daß die Einigkeit stattfindet -- deshalb muß er sterben, daß ein anderer es vollbringe." Dieses Schreiben findet sich später in seiner Brieftasche wieder.

Das Attentat auf den König Wilhelm I. von Preußen, alte Lithographie von 1861

http://www.schwarzwald-informationen.de/bilder/lithographien/attentat-koenig-wilhelm-I.jpg


 



Kaiser Wilhelm selbst hat das Erlebnis noch am gleichen Vormittag schriftlich aufgezeichnet und zwar in folgender Darstellung:

"Als ich heute den 14. Juli in der Lichtentaler Allee ging, früh halb 9 Uhr, ging ein junger, ungefähr 20jähriger Mann bei mir vorüber von hinten kommend und grüßte mich auf eine besonders freundliche, fast herzliche Art, indem er den Hut abnehmend, denselben mehreremale grüßend senkte. Da er bald darauf seine Schritte verkürzte, so ging ich wieder an ihm vorüber, wobei er nochmals grüßte. Dies geschah wenig Schritte vor und hinter dem Hause, in welchem früher der Maler von Beyer wohnte. An der Kettenbrücke begegnete mir mein Gesandter Graf Flemming, der mich nun begleitete. Vielleicht 150 Schritte jenseits des Hirtenhäuschens fiel ein Schuß in solcher Nähe, hinten auf mich, daß ich sofort einen Schmerz an der linken Seite des Halses fühlte, eine Dröhnung im ganzen Kopfe empfand und mit der linken Hand sogleich nach der verletzten Stelle griff, ausrufend: Mein Gott, was war das! - Graf Flemming und ich drehten uns gleichzeitig um, und ich sah oben bezeichneten jungen Mann ganz ruhig hinter uns auf drei Schritte stehen. Graf Flemming fragte ihn: „Wer hat hier geschossen? Haben Sie geschossen?" Worauf der Mann ganz gelassen erwiderte: „Ich habe auf den König geschossen". — Graf Flemming griff ihm nun in die Halsbinde und hielt ihn fest, fragend: „Womit .haben Sie geschossen?" — Er zeigte auf einen in das Gras geworfenen Regenschirm und einige Schritte von demselben lag ein Doppel-Terzerol, von dem beide Läufe abgeschossen waren. Da sofort ein Herr, der der Rechtsanwalt Süpfle aus Gernsbach sein soll und ein anderer Mann, der Amtsverweser Schul aus Achern, zugesprungen waren und den jungen Mann auf den Boden warfen, ausrufend: „Das ist eine Schmach und Schande für Baden, das muß das Volk rächen", — so hatte Graf Flemming Zeit, die Pistole aufzunehmen und den Regenschirm. Mittlerweile war der Hotelbesitzer Brandt aus Berlin hinzugekommen und diese drei Herren brachten den Menschen in einen Miethswagen, der gerade vorbeifuhr. Ich ersuchte die Herren, ihm nichts zu Leid zu thun und bestimmte, daß dieselben unter Geleite des Grafen Flemming ihn um Stadtdirektor Kunz transportieren sollten. Ein vierter Herr, Mr. Blanquet, Kaufmann aus Paris, sagte mir auf französisch, daß mein Rockkragen von einer Kugel zerrissen sei und ebenso die Halsbinde gestreift wäre; ich zog ihn aus und überzeugte mich von der Richtigkeit der Angabe. Die Contusion am Halse blutete nicht, aber verursachte einen leichten brennenden Schmerz. Ich konnte daher die Promenade bis gegen Lichtental fortsetzen und kehrte mit der Königin zu Fuß nach Hause zurück."

Mit "nach Hause" war das Hotel Meßmer gemeint, in dem das Königspaar logierte.

Am Abend brachte die Bevölkerung Badens, im Jubel darüber, dass der Mordanschlag misslungen war dem König einen Fackelzug dar, an dem auch die städtischen Behörden unter Führung des Bürgermeisters Gaus teil nahmen. König Wilhelm konnte vom Balkon des Hotel Meßmer den Baden-Badenern danken und richtete am folgenden Tage an das Bürgermeisteramt und den Gemeinderat von Bad nachfolgendes Schreiben:

"Die unzweideutigen Beweise aufrichtiger Theilnahme, welche Mir, in Veranlassung des gestern gegen Mich verübten durch Gottes ebenso wunderbare, als gnadige Fügung ohne Folgen gebliebenen ruchlosen Attentats, von den Behörden und der Einwohnerschaft hiesiger Stadt dargebracht worden sind, haben Meinem Herzen wohlgetan und das Gefühl tiefen Schmerzes gemildert, welches dies Zeichen der immer weiter um sich greifenden Entsittlichung und Nichtachtung göttlicher und menschlicher Ordnung in Mir hervorrufen mußte. Indem ich daher aus vollstem Herzen dem Bürmeisteramte und dem Gemeinderath sowie der Bürgerschaft hierdurch Meinen Dank ausspreche, und die Königin Meine Gemahlin, Sich mit mir hierin vereinigt, hab Wir für die Armen der Stadt beifolgende Zweitausend Gulden bestimmt, deren Vertheilung die gedachten Behörden übernehmen mögen".

Das Attentat brachte dem Studenten Oskar Becker zwanzig Jahre Zuchthaus, zehn Jahre Einzelhaft und elf Jahre gemeinsame Haft ein. Im Oktober 1866 wurde Becker auf König Wilhelms Fürsprache hin begnadigt. Becker ging dann nach Nordamerika, kehrte aber 1868 nach Europa zurück. Er wanderte erneut aus, diesmal in Richtung Orient, und starb 1868 in Alexandria.

An das Attentat erinnerte dann noch lange der Baum, in welchen die erste Kugel eingeschlagen hatte und den man bald mit einem Gitter umgeben mußte, denn seine Rinde war als Andenken bei den Kurgästen sehr begehrt. Wer schon mal die Lichtentaler Allee in Baden-Baden entlang geschlendert ist, dem wird bestimmt ein kleines allein stehendes Fachwerkhäuschen direkt vor der Klosterwiese aufgefallen sein, das an dieser Stelle überhaupt nicht hinpasst. Und sicherlich hat mancher dann vermutet: das muß wohl so eine Art Denkmal sein zur Erinnerung an irgend ein historisches Ereignis. Und so ist es auch. Es ist das einstige Hirtenhäusle des Klosters Lichtental, in dem König Wilhelm I. von Preußen nach dem Attentat des Studenten Becker Erste Hilfe fand.

Vor der Trinkhalle steht eine Büste von Kaiser Wilhelm I., Bildhauer Joseph von Kopf fertigte sie aus einem Marmorblock, der, so konnten wir in einem alten Band der "Braumüllers Badebibliothek" lesen, vor 2000 Jahren dem Kaiser Augustus von der Insel Paros gesandt wurde. Der berühmte Künstler machte der Stadt dieses Denkmal zum Geschenk. Die Stadt baute ihm aus Dankbarkeit ein Atelier in der Werderstraße 2, unter der Bedingung, dass er die Sommermonate in Baden verbringen und an gewissen Tagen dem Publikum den Zutritt zu seinem Atelier gestatten sollte.

Kaiser Wilhelm I. stand Bildhauer Kopf selbst Modell und soll bei einem Besuch im Atelier seinen Bart zur Seite gestrichen haben und Kopf dabei noch Spuren der Verletzung, die ihm beim Attentat vom Studenten Oskar Becker 1861 in der Lichtentaler Allee verursacht und geblieben sind gezeigt haben. Allerdings mit der Aussage "Die dürfen Sie aber bei der Büste nicht machen".

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